Ich habe im Herbst 2007 meine Idee von einem offenen Lernprojekt in einem Ladenlokal Gerhard Schmidt-Wittenbrink vorgestellt. Der ist Leiter eines Beschäftigungsträgers in Detmold und ich hatte die Idee, dass die uns bei einem bestimmten Projekt unterstützen könnte, wenn wir denn irgendwann mal an den Start gehen würden..

Nachdem ich alles artig vorgetragen hatte hat er mich mit einem etwas ungläubigen Unterton gefragt: „Und wo wollen Sie das machen?“ Das er nicht noch ergänzt hat: „Doch nicht etwas bei uns hier in der Provinz??“ war alles. Und ich ganz ehrlich und wie aus der Pistole geschossen: „Am Liebsten in Berlin!“ Ich hatte einfach die Vorstellung, dass man in einer großen Metropole mehr Menschen begeistern könnte an einer Vision mitzuarbeiten, die vielleicht ein bisschen zu sperrig ist um sich jemandem mit überwiegend ökonomisch sozialisiertem Denken so ohne weiteres zu erschließen.

Und jetzt stehe ich hier um Grußworte - und auch noch ein paar Worte mehr - in einem Lern- und Testzentrum in Berlin zu sprechen. Neid! Wohlwollender Neid. Ich glaube, dass die Prinzipien Freier Software - und damit meine ich sowohl die Lizenzpolitik als auch die Entwicklunsgprinzipien Freier Software – weit über den Softwarebereich hinaus mehr und mehr Anwendung finden sollten. Und da ist die Verbindung von Lern- und Testzentrum eine ziemlich pfiffige Kombination. Und dann in Berlin .. hatte ich das mit dem Neid schon gesagt?

Ich will mal ein paar Thesen und Gedanken aus unterschiedlichen Quellen in den Raum stellen bevor ich etwas was dazu sage warum ich diese Kombination so spannend und wichtig finde. Wenn sich das jetzt etwas unzusammenhängend anhört, dann ist das Absicht. Also ein paar Gedanken, Thesen und Aphorismen:

  • Wissen, das nicht geteilt wird, ist vergessen. Alles Wissen, das nicht im Web ist, ist jetzt schon vergessen. [1]
  • Es ist sinnlos, gegen die Realität anzukämpfen, um etwas zu verändern. Du musst ein Modell bauen, das das bestehende Modell überflüssig macht. [1]
    Zusatz: Du baust solche Modelle nur von unten. Du veränderst in dieser Republik und auch sonst nichts von oben. Von oben musst Du die Sperren durchbrechen die die Lobbyisten und Interessenverbände zwischen der Politik und sinnvollen Entscheidungen einziehen. Von unten sind diese Sperren für Dich einfach nicht existent Du bist schon da wo Du hin willst.. an der Basis bei den Menschen.
  • Das kapitalistische System, wie wir es zu kennen glauben, bekommt immer mehr Löcher. Fast wie ein Käse und vielleicht kann man auch sagen, dass es Käse ist. Von Käse weiß man bekanntlich: Je mehr Käse, desto mehr Löcher .. Je mehr Löcher, desto weniger Käse. Kann man jetzt daraus schließen je mehr Käse desto weniger Käse? Ok, das führt jetzt zu weit. [2]

Einwurf:

Wenn ich beobachte, was alles so passiert um mich herum, dann wird mir doch etwas plümerant, bei der Vorstellung davon wo das Boot hindriften kann indem wir alle sitzen. (Übersetzung für plümerant gefällig? Vielleicht so: Das ist ein ganz schön flaues Gefühl in der Magengegend.) Und es wird ja auch versucht uns durch gezielte Desinformation ein zu lullen und in Sicherheit zu wiegen.

Unter dem Titel: „Krise mit herkömmlichen Mitteln nicht zu lösen“ ist von Prof. Fredmund Malik, Hochschullehrer, Untenehmesberater, Autor und sonst noch mit ganz viel anderen Titeln und Funktionen ausgestattet am 23.1.2009 in der FAZ ein Interview erschienen [3]. Das Datum zeigt es ist die letzte Krise gewesen gewesen zu der er sich geäußert hat. Nicht die aktuelle .. Oder sagen wir es so: Er hat sich geäußert als diese schon lange andauernde Krise noch eine Bankenkrise war und noch bevor sie zu einer Staatenkrise wurde. Ich zitiere Malik, weil er in diesem Interview gesagt hat: „Unter anderem muss man lernen, dass die Welt nicht vom Geld regiert wird wie viele weismachen wollen sondern weit mehr von elementarer Menschlichkeit.“

Dabei geht es mir, um die Einschätzung, dass die Welt weit mehr von elementarer Menschlichkeit bewegt wird (oder werden kann) als dass sie vom Geld regiert wird.

Und dann fehlt mir in dieser kleinen Sammlung noch Richard Stallman mit den oft zitierten aber nur schwer zu belegenden Worten:

  • Der fundamentale Akt von Freundschaft unter denkenden Wesen besteht darin, einander etwas beizubringen und Wissen gemeinsam zu nutzen. Dies ist nicht nur ein natürlicher Akt, sondern es hilft die Bande des guten Willens zu verstärken, die die Grundlage der Gesellschaft bilden und diese von der Wildnis unterscheidet. Dieser gute Wille, die Bereitschaft unserem Nächsten zu helfen, ist genau das, was die Gesellschaft zusammenhält und was sie lebenswert macht. [4]

Und jetzt wieder zurück zu meiner Begeisterung für die Kombination Bildung, Lernen und Freie Software. Freie Software wird in sogenannten offenen gemeinschaftlichen Entwicklungsprozessen entwickelt [5]. Offen heißt in diesem Zusammenhang, dass sich jeder beteiligen kann, der das möchte. Man muss dafür nicht programmieren können. Man muss einfach neugierig sein und bereit sein Neues zu lernen. Es kostet einen nicht viel mehr als den Einsatz der eigenen Zeit. Selbst wenn man programmieren kann oder das lernen will: Ein PC und ein Internetzugang sind vielfach vorhanden. Offen heißt auch, dass alles was entwickelt wird für jeden zugänglich veröffentlicht wird. Für den offenen gemeinschaftlichen Entwicklungsprozess ist Voraussetzung, dass die Verteilung des Produktes und im Falle von Software des Quellcodes kostengünstig erfolgen kann. Das Internet bietet uns diese Möglichkeit und ist damit eine wichtige Grundlage offener gemeinschaftlicher Entwicklungsprozesse. Die Lizenzpolitik Freier Software ermöglicht es, dass jeder das Produkt lizenzkostenfrei benutzen, es an seine Bedürfnisse anpassen und weiter verteilen kann. Nehmen statt kaufen und mitmachen statt einfach nur konsumieren.

Und Lernen? Bildung? Da könnte das alles genau so funktionieren. In ganz vielen Fällen erfordert Lernen nicht viel mehr als die eigene Zeit. Lernmaterialien können im Netz veröffentlicht und verbreitet werden. Im Zeitalter von Web 2.0 ist kollaboratives Arbeiten über das Netz möglich und wird mehr und mehr praktiziert. Man könnte Lernmaterialien und Lernprogramme ebenso entwickeln wie freie Software. Es gibt schon eine relativ große Bewegung, die sich für Freie Bildungsmaterialien und -inhalte einsetzt, aber auch hier ist der Anteil der proprietären Produkte und der Produkte, die man vielleicht mit Shareware im Softwarebereich vergleichen könnte noch viel zu groß. Und, was ich persönlich besonders bedauerlich finde, es gibt kein wirklich gutes und schon gar kein einigermaßen aktuelles Internetportal für Freie deutschsprachige Bildungsmaterialien. Betonung liegt auf deutschsprachig. Auch hier wäre nehmen statt kaufen und mitarbeiten statt einfach nur konsumieren eine wünschenswerte Entwicklung.

Und eine solche Entwicklung könnte ein Lern- und Testzentrum fördern. Hier wird mit Skolelinux eine Linuxdistribution getestet, die für den Bildunsgbereich gemacht wird. Was liegt da näher als Lernen und Testen zu kombinieren. Wenn durch den Aspekt Lernen neue Interessenten an das Prinzip des „Nehmen statt Kaufen und mitmachen statt einfach nur konsumieren“ herangeführt werden, dann dann ergeben sich daraus ja vielleicht Chancen ökonomisch sozialisierte Geister wach zu rütteln. Wir experimentieren in unserem Projekt in Detmold seit ungefähr 6 Wochen und wir haben sehr ungläubige Reaktionen darauf bekommen, dass die Nutzung unseres Angebotes kostenfrei ist und dass wir es zunächst aus eigenen Mitteln finanzieren etc. Irgendwie scheint es den Menschen schon ziemlich suspekt zu sein, dass es ein Angebot gibt, das man einfach so nutzen kann und bei dem der Anbieter sich von dem User einfach nur wünscht, dass er mitarbeitet. Und dann ist das Projekt noch nicht einmal öffentlich gefördert. Die Tatsache, dass viele bei frei eben nicht an Redefreiheit sondern an Freibier denken ist immer wieder augenfällig. Ich glaube die Leute trauen sich an so etwas gar nicht heran. Da muss doch irgendwo ein Haken sein. Das riecht nach Butterfahrt, Betrug, Abzocke. Ich werde demnächst Gutscheine für die kostenfrei Nutzung unseres Angebotes in Detmold verteilen, also z.B. einen Gutschein für eine kostenfreie 30minütige Einführung in Twitter, in Wikis, sonstige Web 2.0-Tools oder Dinge mit denen man sich bei uns in der Lerninsel beschäftigen könnte. Und ich bin sehr gespannt auf die Reaktionen von denjenigen, die solche Gutscheine einlösen kommen, wenn sie erfahren, dass sie auch ohne Gutschein unser Angebot kostenfrei hätten nutzen können.

Die Tatsache, dass jeder sich an einem offenen gemeinschaftlichen Entwicklungsprozess beteiligen kann hat für sich genommen schon einen integrativen Aspekt. Die Tatsache, dass solche offenen gemeinschaftlichen Entwicklungsprozesse im Softwarebereich und im Bildungsbereich möglich sind macht die Kombination so attraktiv. Was Stallman sagt mit dem fundamentalen Akt von Freundschaft ist doch im Grunde Alltagserfahrung. Jeder, der gelegentlich versucht hat jemandem etwas beizubringen, egal in welchem Bereich, hat die Erfahrung gemacht, dass dadurch Kontakt entstehen kann. Wenn mein Gegenüber versteht was ich ihm vermitteln will, wenn er z.B. verstanden hat, dass man in einer Dateiliste drei Dateien die nicht unmittelbar untereinander oder nebeneinander angezeigt werden dadurch markieren kann, dass man die Steuerungstaste gedrückt hält und sie einzeln anklickt und wenn er das dann versucht und es klappt, dann entsteht dieser Kontakt und mein Wissen überschreitet unsere gemeinsame Grenze und wird zu seinem Wissen. Und jetzt erinnern wir uns wieder an die Worte von Fredmund Malik, dass die Welt mehr von elementarer Menschlichkeit bewegt werden kann/könnte als vom ökonomisch sozialisierten Geist. Wir müssen sie nur frei legen bzw. praktizieren diese Menschlichkeit und die Prinzipien Freier Software haben hier ein immenses Potential.

Und was könnte man jetzt also lernen in einem solchen Lern- und Testzentrum? So weit ich das in Erfahrung bringen konnte gibt es da ja noch keine abschließenden Überlegungen. Lernen geht heutzutage nicht mehr ohne Rechner und Internet und diese Entwicklung wird sich weiter beschleunigen. Ich habe das eingangs meiner kleinen Sammlung von Thesen und Zitaten angedeutet. Tatsächlich lernt aber kaum jemand systematisch mit einem Rechner umzugehen, das ist ziemlich unabhängig davon ob er im Job am einem Rechner arbeitet oder nicht. Viele Kids meinen auch oft sie hätten das drauf.Aber das Problem fängt schon an, wenn mal ein Download aus welchen Gründen auch immer nicht im Standardverzeichnis gelandet ist und die etwas ältere Generation, die nicht mit Handys und Playstation aufgewachsen ist ist eigentlich vollkommen abgehängt von einer Entwicklung die man mit Fug und Recht als Kulturtechnik bezeichnen kann. Ich würde im Computerbereich vermeintlich ganz einfachen Angebote machen wie Einführung in die Dateiverwaltung. Wie kopiert man Dateien? Wie verschiebt man sie, welche Tastenkombinationen sind hilfreich. Wie bewege ich mich auf einem Bildschirm. Letztens war jemand in der Lerninsel ganz verblüfft, dass er seinen E-Mail-Account, den er bei web.de hatte auch von jedem anderen Rechner der Welt abrufen konnte und nicht nur vom heimischen PC. Da gibt es sooo viel zu tun bei den für den Computergeübten ganz einfach erscheinenden Dingen. Und ich halte es für soo wichtig. Und der Interessent macht dabei gleich die Erfahrung, dass bei solchen Dingen der Unterschied zwischen Linux und Windows keine Rolle spielt für das Verständnis der Lerninhalte.

Und das soll jetzt der Wirtschaftskrise etwas entgegen setzen? Nicht so direkt aber die Welt verändert sich zwangsläufig und es kann nur gut sein der Seite der elementaren Menschlichkeit zu einem kleinen Vorteil zu verhelfen. Und das beginnt auf der persönlichen Ebene im direkten Kontakt, und warum nicht beim Lernen und testen. Und weil Wissen zu den Dingen gehört, die vermehren, wenn man sie teilt gibt es auch eine Chance, dass sich daraus so etwas wie ein Schneeballeffekt entsteht, der dem Prinzip Nehmen statt kaufen und mitarbeiten statt konsumieren zu einer weiteren Verbreitung verhilf.

Kurt Biedenkopf hat in der Januarausgabe des Wirtschaftsmagazins brand eins in einem lesenswerten Interview unter dem Titel Aufstand von unten auf die Frage „Und wie wird diese Gesellschaft wieder menschlich?“ [6] geantwortet:

Durch Erneuerung von unten: Es wird einen Aufstand von unten geben. Man wird zunehmend die Frage nach der Legitimation politischen Handelns stellen, denn immer mehr Menschen, Rentner, Bedürftige, werden merken: Der Sozialstaat lässt uns im Stich.
Die einen werden resignieren, aber viele werden sich fragen: Können wir uns nicht selbst helfen? Alleinerziehende Frauen werden sich zusammentun und eine Art Genossenschaft bilden, genauso wie Rentner, Arbeitslose (ich -WS- füge hinzu: Lernwillige). Und sie alle werden ziemlich ungemütlich werden, wenn man sie reglementieren will: Der Widerstand gegen die allgegenwärtige Bevormundung wird wachsen.
Nun sind die Deutschen nicht gerade Meister des zivilen Widerstandes.
Und doch wird er kommen. Denn es wird immer deutlicher werden, dass die Bevormundung zweierlei bewirkt: Zum einen kann sie die Pluralität des Lebens nicht erfassen, sondern muss alles und jeden standardisieren. Und zum anderen verhindert dieses System die Entwicklung von Alternativen. Alternativen aber sind die Quelle der Erneuerung und der Veränderung. Also: Zieht los und werdet aktiv! Macht’s einfach!

Und in diesem Sinne kann ich dem Lern- und Testzentrum hier nur viel Kraft, Ausdauer und auch eine gehörige Portion Glück wünschen. Entwickelt mit diesem Lern- und Testzentrum auch eine Alternative zu herkömmlichem Lernen. Und wenn Ihr das tun solltet, dann lasst uns unsere Erfahrungen austauschen. Ihr seid ja schon losgezogen und aktiv geworden. Viel Glück und Erfolg bei dem was jetzt noch kommt.

[1] http://wwweblern.pbworks.com/
[2] keine Ahung wo ich das aufgegabelt habe
[3] http://www.faz.net/s/Rub58241E4DF1B149538ABC24D0E82A6266/Doc~EBEACC95FA43F41E389FF3629FCF64452~ATpl~Ecommon~Sspezial.html

[4] http://freie-software.bpb.de/
[5] A. Ramharter
Offene gemeinschaftliche Entwicklungsprozesse
Seminararbeit im ’Seminar aus Informationswirtschaft’.
Institut für Informationswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien, Wien, SS 2006.
Der zuletzt am 1.10.2007 abgerufene Link zu dieser Arbeit ist leider broken.
[6] http://www.brandeins.de/archiv/magazin/selber-machen/artikel/aufstand-von-unten.html